„Ludwig Erhard, gestern, heute, morgen“. Welchen Wert hat der Vater des deutschen Wirtschaftswunders noch für die Gesellschaft und ihr Wirtschaftssystem? Sind seine Leitlinien in Zeiten der voranschreitenden digitalen Veränderung der Arbeits- und Lebenswelt nicht sogar wichtiger denn je? Über diese und andere Fragen diskutierten der Paderborner Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU-Fraktion Carsten Linnemann und der Fraktionsvorsitzende der SPD in Nordrhein-Westfalen, Thomas Kutschaty, auf Einladung der Mittelstandsvereinigung (MIT) der CDU im Kreisverband Paderborn im Ludwig-Erhard-Berufskolleg. 

 

2019 01 13 Karrikaturenausstellung Ludwig Erhard

 

„Leider ist der Trend, das Wirken großer Persönlichkeiten nur noch auf aus dem Zusammenhang gerissene Zitate zu begrenzen, auch an Ludwig Erhard nicht vorbeigegangen. Viel zu kurz kommen durch diese Vereinfachungen seine Leitlinien, die uns auch heute noch gut zu Gesicht stehen würden“, so Ulrich Lange, Vorsitzender des MIT-Kreisverbandes Paderborn in seiner Begrüßung. So seien speziell die Eigenverantwortung der Gesellschaft, das Pflichtgefühl und das soziale Bewusstsein die Eckpfeiler für Erhards Schaffen gewesen. Werte, die Lange aktuell als verloren ansieht, denn die Überregulierung und Bürokratisierung durch den Staat habe Ausmaße angenommen, die es Unternehmern, Selbständigen und Arbeitnehmern gleichermaßen schwer mache, zu wirken. „Es ist paradox, dass wir in einem Zustand, in dem es uns so gut geht wie noch nie, immer mehr von unseren Freiheiten in die Hände des Staats legen. Der baut uns einen goldenen Käfig, in dem wir bequem und zufrieden sitzen. Wir brauchen mehr von Ludwig Erhard, der auch mal den Mut besessen hat, unbequeme Dinge anzusprechen und umzusetzen“, so Ulrich Lange. 

Ein Ball, den Carsten Linnemann in der anschließenden Diskussion dankbar aufgriff: „Wir brauchen ein grundlegend anderes politisches System mit neuen Vorbildern. Es muss wieder um Positionen und Leitgedanken und um die klare Unterscheidbarkeit der beiden großen Volksparteien gehen. Stattdessen steht derzeit nur im Fokus, wer in Hinterzimmern die meisten Spiegelstriche in einen Koalitionsvertrag geschrieben hat. Das bekommen wir in der Öffentlichkeit nicht mehr vermittelt. Die soziale Marktwirtschaft Ludwig Erhards fußt auf der Verantwortung jedes Einzelnen. Es ist falsch, wenn wir alles in die Hand des Staates legen. Der kann es nämlich sicher nicht besser.“ 

 Thomas Kutschaty pflichtete dem bei und wagte den Ausblick, dass die große Koalition aus CDU/CSU und SPD in Berlin wohl nicht „bis zur nächsten Wahl 2021 halten wird. Ich habe damals schon dagegen gestimmt.“ Der Fraktionsvorsitzende der NRW-SPD zeigte sich durchaus einverstanden mit den Grundsätzen der sozialen Marktwirtschaft Ludwig Erhards, wenn dabei eben der soziale Aspekt nicht vergessen wird. „Arbeit muss belohnt werden. Dafür müssen wir Anreize schaffen. Gleichzeitig dürfen wir diejenigen nicht vergessen, die am Rande der Gesellschaft stehen und derzeit keine Rolle auf dem Markt spielen. Und wir müssen uns darum kümmern, dass der Nachwuchs die für die Gesellschaft wichtigen Werte lernt und erfährt. Die Balance muss stimmen. Daher sehe ich den Ansatz von Erhard eher als Gesellschafts- und nicht nur als Wirtschaftsmodell.“ 

 

Im Bezug auf die Digitalisierung sorgt sich Linnemann speziell um die Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz. „Es gibt Bereiche, in denen wir stark sind. Aber das große Thema Daten als Rohstoff haben wir in der EU komplett verschlafen. Die USA und China sind deutlich weiter als wir. Es besteht die große Gefahr, dass wir hier den Anschluss verlieren. Ludwig Erhard hätte das sicher erkannt und gehandelt.“ Ein weiterer Aspekt für Linnemann ist, dass sich die Gesellschaft derzeit noch zu wenige Gedanken über die Arbeitsplätze der Zukunft macht: „Die Bedingungen ändern sich. Es wird Menschen geben, die dann nicht mehr mitkommen und somit für den Markt nicht mehr geeignet sind. Wie fangen wir sie auf? Das sind die Themen, über die sich die Politik Gedanken machen muss.“ Kutschaty warnte davor, die Digitalisierung als Allheilmittel der Zukunft zu betrachten: „Es wird diese Veränderungen geben. Ich glaube aber, dass wir die Akzeptanz für die Politik nur dann wieder erhöhen, wenn wir für die Menschen greifbar und real ansprechbar bleiben.“ Einig waren sich beide Politiker auch darin, dass die Europäische Union nicht nur als Wirtschaftsgemeinschaft erhalten bleiben müsse. Die Handelsbeziehungen seien zwar eine zentrale Grundlage und ein wichtiger Faktor für den seit über 70 Jahren andauernden Frieden, sie dürften aber nicht dazu führen, dass sich die EU erpressbar mache. 

 

Flankiert wurde die Diskussionsrunde vor über 160 Gästen durch eine Karikaturenausstellung, die den Blick zeitgenössischer Karikaturisten auf Erhard zeigt. Mitinitiator der Ausstellung ist Thomas Köster, der selbst Schüler des Berufskollegs war und nun als Koordinator für Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik bei der Konrad-Adenauer-Stiftung arbeitet. „Ich freue mich über die Ausstellung in Paderborn und die geführte Diskussion. Es ist wichtig, die Grundwerte der sozialen Marktwirtschaft Ludwig Erhards immer wieder zu vermitteln, damit sie von der Gesellschaft auch heute noch als Chance verstanden werden“, so Köster. 

Quelle: MIT  Kreisverband Paderborn